Wird eine erhöhte Lebenserwartung nicht das Problem der Überbevölkerung verschärfen?

Bevölkerungszunahme ist ein Problem, das wir letzten Endes in Angriff nehmen werden müssen, selbst wenn es keine Lebensverlängerung geben sollte. Manche machen die Technik für das Aufkommen des Überbevölkerungsproblems verantwortlich. Eine andere Betrachtungsweise ist, sich dessen bewusst zu werden, dass die meisten heute lebenden Menschen ohne Technik nicht existiert hätten – jene inbegriffen, die die Überbevölkerung beklagen! Würden wir keine modernen landwirtschaftlichen Methoden mehr anwenden, würden die meisten Menschen bald verhungern oder an den Krankheiten, die Unterernährung zur Folge hat, sterben. Gäbe es keine Antibiotika und keine medizinischen Eingriffe, insbesondere bei der Geburt, wären viele von uns bereits im Säuglingsalter gestorben. Es ist es wert, zweimal nachzudenken, bevor man etwas als “Problem” bezeichnet, dem man seine eigene Existenz zu verdanken hat.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass zu schnelles Bevölkerungswachstum beengte Verhältnisse, Armut und Erschöpfung natürlicher Ressourcen zur Folge hat. In dieser Hinsicht besteht ein echtes Problem. Programme zur Empfängnisverhütung und Familienplanung, insbesondere für Paare in den ärmeren Ländern, wo das Bevölkerungswachstum am größten ist, sollten unterstützt werden. Der permanente Druck durch einige religiöse Interessengruppen, diese humanitären Bemühungen zu unterbinden, sind aus transhumanistischer Sicht höchst abwegig.

Wie viele Menschen die Erde bei einem komfortablen Lebensstandard und ohne der Umwelt zu schaden zu tragen im Stande ist, hängt von der technischen Entwicklung ab. Neue Technologien, von einfachen Verbesserungen bei der Bewässerung und im Management bis hin zum verantwortungsvollen Einsatz von Gentechnik und dem Anbau von Nahrungsmitteln in urbanen Hochhäusern (Vertical Farming) sollten weiterhin die weltweite Nahrungsmittelproduktion verbessern (und dabei das Leiden von Tieren verringern).

In einem haben Umweltschützer Recht, nämlich darin, dass der Status Quo nicht haltbar ist. Die Dinge können, schon aus physikalischen Gründen, nicht auf unbegrenzte Zeit, oder auch nicht sehr lange so bleiben, wie sie heute sind. Wenn wir weiterhin im selben Tempo Ressourcen verbrauchen, wie wir es zur Zeit tun, dann werden wir innerhalb der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts ernsthafter Ressourcenknappheit gegenüberstehen.

Öko-Fundamentalisten haben darauf eine Antwort: Sie schlagen vor, dass wir die Uhr zurückdrehen und in ein idyllisches vorindustrielles Zeitalter zurückkehren, das mit der Natur in Einklang steht. Das Problem besteht darin, dass das vorindustrielle Zeitalter alles andere als idyllisch war—Armut, Elend, Krankheit und schwere körperliche Arbeit von früh bis spät. Das wollen wir nicht. Es ist auch schwer vorstellbar, wie ein vernünftiger Lebensstandard mit vorindustriellen Produktionsmethoden für mehr als ein paar hundert Millionen Menschen aufrecht erhalten werden könnte, man müsste sich also von 90% der Weltbevölkerung irgendwie trennen.

Einige weitere Punkte, die man bedenken sollte:

In technologisch fortgeschrittenen Ländern tendieren Paare dazu, weniger Kinder zu haben—die Wachstumsrate wird sogar negativ. Die einzige Ursache für das Bevölkerungswachstum in vielen westlichen Ländern ist Immigration. Es ist eine empirische Tatsache, dass Menschen weniger Kinder haben, wenn ihnen die Möglichkeit zur Bildung gegeben wird (insbesondere auch, wenn Frauen gleichberechtigt sind) und sie ihr Leben rationaler planen können. In vielen armen Ländern werden auch Kinder aus dem Grund gezeugt, um später die Eltern (und die alternde Großfamilie) ernähren zu können. Viele Kinder sterben bereits in frühem Alter und viele Erwachsene erkranken in jungen Jahren aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen, Mangelernährung, unbehandelter Erkrankung und unzureichender Hygienemöglichkeiten.

Wenn man die Idee ernst nehmen würde, die Lebenszeit zu beschränken, um das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren, warum sollte man dann nicht ein wenig aktiver werden? Weshalb sollte man nicht zum Suizid anhalten? Warum nicht jeden, der das Alter von 75 Jahren erreicht, exekutieren? – Das ist natürlich absurd.

Eine Erhöhung der Lebenserwartung würde das Überbevölkerungsproblem nicht in größerem Maße verschärfen als eine Verbesserung der Fahrsicherheit oder der Sicherheit am Arbeitsplatz, oder eine Reduzierung der Gewaltverbrechen.

Wenn Transhumanisten davon sprechen, dass sie die Lebenszeit verlängern wollen, so meinen sie damit, dass sie jene Zeit verlängern wollen, in der man sich in einem guten Gesundheitszustand befindet. Es macht keinen Sinn, weitere zehn Jahre im Zustand der Krankheit und Demenz zu verbringen. Das bedeutet, dass die zusätzlichen Jahre produktiv wären und die Gesellschaft wirtschaftlich stärken würden.

Wenn Menschen ein längeres Leben vor sich haben werden, werden sie sich im eigenen Interesse hoffentlich mehr mit den langfristigen Folgen ihres Handelns auseinander setzen.